Vom Werber zum Lehrer

Vom Werber zum Lehrer

Wenn man Chef aller Kreativen in einer Werbeagentur ist, aber eines Tages merkt, dass man selbst eigentlich fast gar nicht mehr kreativ arbeitet, ist es höchste Zeit, etwas zu ändern. Harald Schmidt-Ott war bei seiner Agentur gut im Futter, wie er das selbst ausdrückt, und verdiente als Kreativ-Direktor auch genug Geld. Aber irgendwann hatte er nicht nur das Gefühl, hauptsächlich die Finanzen, Einstellungen und Entlassungen zu verwalten, sondern auch noch einer der Ältesten zu sein und zu allem Überfluss mit seinem Job den Leuten die Gehirne zu vernebeln: „Wie bringe ich sie dazu, Dinge zu wollen, von denen ich selbst nicht überzeugt bin?“ Das war die Frage, die er für seinen Geschmack allzu oft beantworten musste. Was ihm fehlte, war der tiefere Sinn.

Eine Welt ohne Existenzangst

Er dachte darüber nach, zu kündigen. In der Werbung war er nach seinem Philosophie- und Deutschstudium eher zufällig gelandet. Dass er kein Typ für die Selbstständigkeit war, wusste er jedoch auch. Zum Glück hatte er sich einige Jahre zuvor, in einer Zeit, als Lehrer als Quereinsteiger händeringend gesucht worden waren, die Anwartschaft auf das erste Staatsexamen und damit auf den Lehrerberuf gesichert. „Ich dachte: Wenn Du das jetzt nicht machst, denkt der liebe Gott: Was für ein Ochse!“ Vorher hatte er Vorstände beraten und Trend-Reports für große Autokonzerne geschrieben, hatte in einem der anstrengendsten Bereiche der freien Wirtschaft gearbeitet und viele Phänomene der modernen Arbeitswelt zumindest bei seinen Kollegen aus der Nähe beobachten können: brutale Lebenskrisen, Mobbing, Burn-Out, Arbeitslosigkeit. Heute unterrichtet der 50-Jährige an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, in einer Welt, der Existenzangst völlig fremd ist.

Wenn Du das jetzt nicht machst, denkt der liebe Gott: Was für ein Ochse!

Schulfeste und Bewerbungstipps

Seine Entscheidung hat er bis heute nie bereut, auch wenn die ersten Jahre als angestellter Lehrer sehr anstrengend und nicht sonderlich gut bezahlt waren. Im Lehrerzimmer gehört er nun nicht mehr zu den Ältesten, sondern liegt genau im Altersdurchschnitt. Seine Schüler haben mit ihm nun einen Lehrer, der die Arbeitswelt, in die sie bald eintreten, von innen kennt und ihnen die besten Tipps für Praktikumsstellen und Bewerbungsgespräche geben kann. Für seine Kollegen ist er für Schulfeste und andere Veranstaltungen der Werbeexperte. Was ihm heute nur fehlt, sind die vielen Kreativen um ihn herum: „Lehrer sind keine Langweiler, sondern sehr schlaue Leute. Aber das Arbeiten unter Hochdruck, konzentriert zu sein und gleichzeitig noch spöttisch und selbstironisch über Dinge reden zu können, das vermisse ich natürlich.“

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